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Wissenschaft bezeichnet einerseits den Bestand des Wissens einer Zeit, andererseits den Weg zum systematischen Erwerb neuen Wissens (Wissenschaft ist das, was Wissen schafft!). Wissenschaftler erwerben neues Wissen durch Forschung, dokumentieren es in Veröffentlichungen und vermitteln es in der Lehre weiter.
Wissenschaft ist eine Methode zum Wissenserwerb. Ziel der wissenschaftlichen Methode ist es, ausgehend von einer oder mehreren Hypothesen eine tragfähige Theorie zu entwickeln.
Wissenschaft zur Gewinnung neuer Erkenntnisse besteht oft aus folgenden, in der Regel häufig zu wiederholenden, Schritten:
In manchen Wissenschaften sind nur ein Teil der aufgezählten Schritte durchführbar.
Wissenschaftliche Arbeit muss besondere Kriterien erfüllen:
Wissenschaftliche Ergebnisse werden ausführlich dokumentiert. Dafür gibt es Standards, die die Nachvollziehbarkeit aller Teilschritte der Schlussfolgerungen sicher stellen sollen. Wichtig ist dabei auch eine ausführliche Dokumentation verwendeter Quellen und die Berücksichtigung des aktuellen Standes der Forschung auf einem Gebiet. Dadurch werden Forschungsergebnisse vergleichbar und ein inhaltlicher Fortschritt in einem Fachgebiet erst möglich. Forschungsarbeiten beziehen sich aufeinander. Sie stützen, widerlegen oder verfeinern vorhandene Theorien.
Ein wichtiges Prinzip jeder ernsthaften Wissenschaft ist die Skepsis im Sinne einer kritischen Haltung gegenüber eigenen wie fremden Ergebnissen und Thesen. Wissenschaftliches Wissen unterscheidet sich von doktrinärem Wissen dadurch, dass beim doktrinärem Wissen offene oder subtile Machtmittel zur Durchsetzung von Behauptungen benutzt werden und Hinterfragung durch einzelne unerwünscht ist, während wissenschaftliches Wissen zumindest prinzipiell von jedem durch den Gebrauch des eigenen Verstandes und eigener Erfahrung eigenständig überprüft werden kann. Auf die gleiche Weise kann wissenschaftliches Wissen auch von Offenbarungswissen abgegrenzt werden. Offenbarungswissen, welches etwa durch innere Erkenntis einzelner zustandekommt, kann durch andere nicht eigenständig überprüft werden, und ist somit nicht wissenschaftlich. Zur Abgrenzung der Wissenschaft von Pseudowissenschaft eignet sich der Begriff der Falsifizierbarkeit.
Als Begründer der modernen wissenschaftlichen Methode gilt Francis Bacon. Im 20. Jahrhundert hat sich unter Anderen Karl Popper als Begründer des kritischen Rationalismus in der Wissenschaftstheorie einen Namen gemacht; das Kriterium der Falsifizierbarkeit, ursprünglich von Popper formuliert, hat sich als Qualitätsmerkmal seriöser Wissenschaft weitgehend durchgesetzt. Insbesondere die Kritik T.S. Kuhns an der von Popper dargelegten Wissenschaftsentwicklung führte allerdings zu diversen Weiterentwicklungen des Falsifikationsbegriffes in der neueren wissenschaftheoretischen Entwicklung. Zu nennen wären hier etwa die von Imre Lakatos entwickelte Sichtweise der Wissenschaft als das Verfolgen komplexer Forschungsprogramme oder der - neben anderen - von Joseph D. Sneed entwickelte wissenschaftstheoretische Strukturalismus.
Das Kriterium der Falsifizierbarkeit unterscheidet Wissenschaft von Glaubenslehren. Eine Theorie muss so formuliert werden, dass sie Voraussagen trifft, die durch ein Experiment widerlegt werden könnten. Nicht falsifizierbare, also experimentell nicht widerlegbare, Theorien gelten nach diesem Kriterium als unwissenschaftlich.
Philosophisch steht dahinter ursprünglich der kritische Rationalismus, der eine Theorie nur dann als wissenschaftlich anerkennt, wenn sie falsifizierbar (das heißt prinzipiell widerlegbar, siehe oben) ist. Abgesehen davon, dass komplexe Theorien im allgemeinen nicht verifizierbar sind, würde Verifizierbarkeit allein - ohne gleichzeitge Falsifizierbarkeit - nicht ausreichen, um eine Theorie als wissenschaftlich einzustufen. Erst die Falsifizierbarkeit garantiert, dass eine Theorie Einschränkungen über mögliche experimentelle Resultate macht, und damit überhaupt eigentliche Information über die uns empirisch zugängliche Welt enthält. Der kritische Rationalismus wurde und wird von seinen Gegnern zuweilen auch als "Falsifikationismus" bezeichnet und wird insbesondere unter dieser Bezeichnung im Gegensatz zu anderen philosophischen Denkrichtungen gesehen (siehe unten).
Der Konstruktivismus geht in seiner Ablehnung noch weiter und lehnt die These des Falsifikationismus ab, dass laufende Veränderung von falsifizierten Thesen eine asymptotische Annäherung an die Wirklichkeit brächten.
Der Relativismus sieht wissenschaftliche Paradigmen sogar als Sache des Glaubens an, die jeweils nur innerhalb einer bestimmten Wissenschafts-Kultur als wahr oder falsch gelten könnten.
Oft wird Wissenschaft unterteilt in Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften. Deren Abgrenzung zu den später entstandenen Gesellschaftswissenschaften, Sozialwissenschaften und Ingenieurwissenschaften ist nicht endgültig geklärt. Zu den letzten Universalgelehrten, die sich noch allen Wissenszweigen widmeten, zählen Leonardo Da Vinci und Gottfried Wilhelm Leibniz.
Man kann begrenzt verschiedene Fachgebiete in verschiedene Systematiken einteilen, die zeigt, wie das eine Fachgebiet auf dem anderen aufbaut (siehe zum Beispiel die Dewey Decimal Classification). Frühere Autoren sprachen von einem Baum der Wissenschaft.
Siehe auch: Wissenschaftsdisziplin, Fächerkanon
Daneben gibt es aber auch zahlreiche Disziplinen, die eine Mischung verschiedener Fachgebiete darstellen und sich deshalb nicht leicht systematisieren lassen. Als Beispiel sei hier die Wirtschaftsinformatik genannt, die neben einem Kern eigener Inhalte unter anderem auch Teile aus Informatik, Mathematik, Wirtschaftswissenschaften und Kommunikationswissenschaften enthält. Besonders durch Kombination von Wirtschaftswissenschaften mit anderen Fachbereichen wurden in den letzten Jahrzehnten neue Disziplinen gebildet.
Ein großer Teil wissenschaftlicher Arbeit findet traditionell an Universitäten statt. Doch auch Akademien, privat finanzierte Forschungsinstitute und die Industrie finanzieren die Tätigkeit vieler Wissenschafter. Mit staatlicher Förderung stellen auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) oder anderer Träger den Max-Planck-Instituten, der ESA), dem CERN und anderen Groß-Forschungsprojekten die notwendigen Ressourcen zur Verfügung. In Österreich entsprechen der DFG die Forschungsfonds FWF und FFF in der Schweiz und Frankreich die Nationalen Forschungsfonds. Andere Fonds werden z.B. von Großindustrien oder dem Europäischen Patentamt dotiert.
Der für Wissenschafter so zentrale Austausch mit anderen Forschern erfolgt durch Wissenschaftliche Veröffentlichungen und bei Fachkonferenzen, bei Kongressen der internationalen Dachverbände und scientific Unions (z.B. IUGG, COSPAR, IUPsyS, ISWA, SSRN) oder der UNO-Organisation. Auch Einladungen zu Seminaren, Institutsbesuchen, Arbeitsgruppen oder Gastprofessuren spielen eine Rolle.
Bibliotheken und Archive sind vor allem für geisteswissenschaftliche Disziplinen wichtig.
Wissenschaftliches Arbeiten dient der Vermittlung von Kulturgut, das sich über Jahrtausende entwickelt hat, der Grundlagenforschung, der Weiterentwicklung bestehender Ergebnisse, der Gewinnung neuer Erkenntnisse und auch der Suche nach neuen Technologien, um die Probleme der Zeit lösen zu helfen.
Als menschliches und gesellschaftliches Handeln werden Inhalte, Methoden und Ziele der Wissenschaft stets auch von außerwissenschaftlichen Faktoren beeinflusst, damit angefangen, dass berufsmäßige Wissenschaftler zum Erwerb ihres Lebensunterhalts auf Zuwendungen der Gesellschaft, der Wirtschaft oder spezieller Gruppierungen angewiesen sind.
Die Kommunikation der Wissenschaftler untereinander und mit der Gesellschaft gewährt Inspiration und Kritik, ist insofern eine essentielle Voraussetzung für produktive Forschung, kann aber auch in gemeinsamem Irrtum bestärken; nicht zuletzt deshalb werden wichtige Ergebnisse zuweilen von wissenschaftlichen Außenseitern erzielt. Gemeinsame Begeisterung für aktuelle Themen kann die Form einer wissenschaftlichen Mode annehmen.
Für interdisziplinäre Forschung wurden in den letzten Jahrzehnten eine Reihe von (Forschungs-)Instituten geschaffen, in denen industrielle und universitäre Forschung zusammenwirken. Zum Teil verfügen Unternehmen aber auch über eigene Forschungseinrichtungen, in denen Grundlagenforschung betrieben wird.
Die Weitergabe wissenschaftlicher Erkenntnisse kann propädeutisch erfolgen.
Zu allen Zeiten stand die Wissenschaft in der Gefahr, sich durch Druck oder Anreize für politische, religiöse oder wirtschaftliche Interessen instrumentalisieren zu lassen. Auch in letzter Zeit hat das Ansehen und die Glaubwürdigkeit der Wissenschaftler ebenso gelitten wie das staatlicher, kirchlicher und privater Institutionen.
Die "Disziplin" der Marginalistik parodiert die Methoden und die Infrastruktur der Wissenschaft.
Da eine wissenschaftliche Aussage es zwingend erfordert, dass Aussagen im Experiment geprüft werden, ist es notwendig, sie in einer Weise zu operationalisieren, dass sie intersubjektiv replizierbaren sind. Viele nicht wissenschaftliche Verfahren und Parawissenschaften sind jedoch nicht entsprechend operationalisierbar, schon allein deshalb, weil nicht jedermann über besondere Fähigkeiten, welche intersubjektiv unabhängig geprüft werden müssten, verfügt. Allzu häufig wird der Schluss gezogen, eine Methode die lediglich nicht wissenschaftlich prüfbar ist, sei nicht wirksam.
Zudem bedient sich der Wissenschaftsbetrieb insbesondere in der Medizin der Ex-post-facto Methode, wenn sich Menschenversuche aus tatsächlichen oder vorgeschobenen humanitären Erwägungen verbieten; billigt aber anderen Gruppen diese Vergleichsmethode nicht zu und misst mithin mit zweierlei wissenschaftlichem Maß. Beispiel: die wissenschaftliche Medizin untersucht nach einem Treatment die Verbreitung einer Krankheit und schließt aus geringerer Verbreitung auf den Erfolg des Treatments. Heirbei wird auf die Ursache (z.B. Flouridisierung von Zahnpasten) der Wirkung (tatsächliche oder vermeintlicher Kariesrückgang) spekuliert. Die geringere Krankheitsverbreitung könnte auch andere Ursachen haben als die vermutete; das aber wäre nur im kontrollierten Menschenexperiment belegbar.
Wenn dagegen andere so genannte "Pseudowissenschaften" empirische Erfolge vorweisen können, wertet der Wissenschaftsbetrieb diese Erfolge nicht sondern sagt - noch nicht einmal zu Unrecht - dass es auch bloße Placebowirkungen sein könnten, die den empirisch beobachtbaren Erfolg bewirkten.
Ein weiterer Kritikpunkt: ein Zusammenhang wird lediglich im Brustton der Überzeugung behauptet, in Wirklichkeit aber gar nicht nachgewiesen.
Heftige Kritik an der Gültigkeit wissenschaftlicher Theorien entzündet sich in manchen Zeitepochen an Widersprüchen zu religiösen Überlieferungen und Dogmen.
In den Naturwissenschaften ist das wohl facettenreichste Beispiel die Kreationismus-Debatte um eine Vereinbarkeit von biblischer Schöpfungsgeschichte mit Theorien der Kosmologie oder der Evolutionsbiologie. Die Thematik ist heute durch die Biblische Hermeneutik weitgehend gelöst. Ein älteres Beispiel ist der Umgang der katholischen Kirche mit Galileo Galileis öffentlichem Abrücken vom geozentrischen Weltbild.
In den Geisteswissenschaften stoßen manche historisch-kritischen Analysen von Bibel- und anderen heiligen Büchern auf Kritik. Insbesondere, wenn die aufgrund neuerer Quellenlage oder früherer Übertragungsfehler überarbeiteten Glaubenstexte im Widerspruch zur dogmatisch akzeptierten Version des Glaubenstextes stehen.
Da für den Gläubigen das Dogma per
definitionem wahr ist, wird mancher einseitige Kritiker die wissenschaftliche Theorie abtun ("nicht sein kann, was nicht
sein darf") und den dogmatischen Lehrsatz unreflektiert aufrechterhalten. Im Fundamentalismus (z.B. des Islam) haben wörtliche Auslegungen
heiliger Texte eine hohe Priorität.
Eine differenziertere Form der Kritik akzeptiert die wissenschaftliche Methode weitgehend und übernimmt ihre Fachbegriffe.
Bisweilen werden im philosophisch-religiösen Bereich Ausnahmen von wissenschaftlichen Kernprinzipien (wie Reproduzierbarkeit, Falsifizierbarkeit) eingefordert oder Kernbegriffe anders definiert.
Meistens lösen sich aber Widersprüche zwischen naturwissenschaftlich und religiös begründeten Aussagen dadurch, dass sie verschiedene Ebenen betreffen. So thematisiert die Schöpfungsgeschichte der Bibel das Verhältnis zwischen Gott, Welt und Mensch, aber nicht die Wissenschaft von der sichtbaren Natur (siehe auch biblische Exegese und Hermeneutik).
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