| Liste Artikel | Liste Kategorien | Zufälliger Artikel | Links auf diese Seite | |||
Nachdem alle ausländischen Kräfte aus Anatolien vertrieben wurden, rief Mustafa Kemal am 29. Oktober 1923 die Republik aus und verlegte die Hauptstadt nach Ankara. Später erhielt er den Beinamen Atatürk („Vater aller Türken“) und war der erste Präsident der Republik.
Im laufe seiner Amtszeit führte Atatürk tiefgreifende Reformen im politischen und gesellschaftlichen System durch, die die Türkei in einen modernen, säkularen, weltlichen und am Westen orientierten Staat verwandelten. Unter anderem wurde im Jahre 1922, noch vor der Ausrufung der Republik, das Sultanat abgeschafft und am 29. Oktober 1923 das Kalifat. 1924 schaffte die Türkei die religiösen Gerichte ab, und 1925 wurde im Zuge einer umfassenden „Kleiderreform“ das Fez (traditionelle türkische Kopfbedeckung der Männer) und der Schleier für die Frau verboten und die Koedukation eingeführt. Im selben Jahr wurde die islamische Zeitrechnung durch den Gregorianischen Kalender ersetzt sowie das metrische System eingeführt.
In den folgenden Jahren wurden ganze Rechtssysteme aus europäischen Ländern übernommen und den türkischen Verhältnissen angepasst. 1926 wurde zunächst das schweizer Zivilrecht und damit die Einehe und die Gleichstellung von Mann und Frau übernommen. Es folgten das deutsche Handelsrecht und das italienische Strafrecht. Die Gleichstellung der Geschlechter gelang allerdings nur teilweise. 1928 wurde die Säkularisierung ausgerufen und im gleichen Jahr die Arabische Schrift durch die Lateinische ersetzt. Im Zuge weiterer Reformen wurde in der Türkei 1930 das aktive Frauenwahlrecht eingeführt, und seit 1934 dürfen sich Frauen auch selbst zur Wahl stellen (passives Frauenwahlrecht). Nur wenige der Reformen, etwa Atatürks Idee, dass in den Moscheen statt auf Arabisch nur noch auf Türkisch gebetet werden sollte, erwiesen sich als undurchführbar und wurden zurückgenommen.
Grundlage Atatürks Handelns war die Ideologie des Kemalismus, welcher auf sechs Prinzipien basiert:
Nachdem am 10. November 1938 Atatürk starb, wurde sein enger Weggefährte Ismet Inönü der zweite türkische Staatspräsident. Inönü war bestrebt, die Modernisierung der Türkei fortzuführen und die außenpolitische Neutralität beizubehalten.
Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurde es immer schwieriger, die außenpolitische Neutralität beizubehalten. Sowohl Nazideutschland als auch die Alliierten versuchten, die Türkei auf ihrer Seite in den Krieg einzubeziehen. Am 1. August 1944 brach die Türkei die diplomatischen Beziehungen zum Deutschen Reich ab und erklärte am 23. Februar 1945 Deutschland und Japan symbolisch den Krieg, um anschließend die UN-Charta mit zu unterschreiben.
Nachdem Kriegsende drängte die Sowjetunion die Türkei zu Grenzkorrekturen an der Ostgrenze und versuchte, Kontrolle über die türkischen Meerengen zu bekommen. Der Versuch der Sowjetunion, Kontrolle über die Türkei auszuüben, führte dazu, dass die Türkei ihre außenpolitische Neutralität aufgab. Sie versuchte nun ihre Bindung an die USA zu intensivieren und wollte daher in die NATO eintreten. Nach anfänglicher Ablehnung, vor allem durch die europäischen NATO-Mitglieder, wurde die Türkei 1952, gemeinsam mit Griechenland, Mitglied in der NATO. Diese Entscheidung wurde durch die Teilnahme der Türkei auf amerikanischer Seite am Korea-Krieg von 1950 begünstigt.
1946 wurde in der Türkei zum erstenmal eine zweite politische Partei zugelassen. Die DP (Demokratische Partei) errang bei den Wahlen am 14. Mai 1949 die Mehrheit der Stimmen. Damit endete die seit Republikgründung herrschende Einparteienherrschaft der CHP. Die DP unter ihrem Ministerpräsidenten Adnan Menderes führte in seiner Regierungszeit zwischen 1950 und 1960 eine stärkere wirtschaftliche Liberalisierung durch. Trotz eines raschen wirtschaftlichen Wachstums nahmen die sozialen Spannungen in der Türkei nun stärker zu als zuvor. Zunehmend ging die DP dazu über, die oppositionelle CHP politisch zu unterdrücken.
1960 putschte sich das Militär an die Macht, um die Staatskrise, die durch Spannungen zwischen den politischen Parteien ausgelöst wurde, zu beenden. Menderes und andere Politiker wurden unter Korruptions-Vorwurf zum Tode verurteilt und 1961 gehängt. Nachdem das Militär 1961 eine neue Verfassung einführte, gab es die Macht an eine Zivilregierung ab. Die neue Verfassung beinhaltete moderne wirtschaftliche und soziale Prinzipien und Gesetze, die die Unterdrückung der Opposition verhindern sollten.
1963 schloss die Türkei mit der damaligen EWG ein Assoziations-Abkommen ab.
Aber auch die Folgeregierung konnte die Probleme nicht in den Griff bekommen. Linke und rechte Terror-Aktivitäten nahmen zu, und die Wirtschaftslage verschlechterte sich rapide. 1971 griff die Armee erneut ein, und es kam zu repressiven Maßnahmen gegenüber der Bevölkerung.
Das Militär putschte sich 1980 zum dritten Mal an die Macht. Auslöser war die sehr instabile Phase in den 1970er Jahren, die durch wechselnde politische Koalitionen, politische und wirtschaftliche Instabilität und Terrorakte durch das extrem rechte und linke politische Spektrum geprägt war. Das Militär unter General Kenan Evren verhängte über das Land das Kriegsrecht und verbat alle politischen Parteien. Nach dem es November 1982 durch einen Volksentscheid die dritte türkische Verfassung eingeführt hatte, gab es die Macht 1983 wieder an eine Zivilregierung ab.
Nach der Stichwahl zum Parlament im November 1983 gewann die konservative Mutterlandspartei (ANAP), unter dem Wirtschaftsfachmann Turgut Özal, die Wahl. Özal leitete in seiner Regierungszeit marktwirtschaftliche Reformen ein und vereinte in seiner Mutterlandspartei Technokraten, aber auch islamische Kreise. Nachdem Özal zum Staatspräsidenten gewählt wurde, wurde 1989 Yıldırım Akbulut Regierungschef.
Die 1990er Jahre waren in der Türkei wieder durch wechselnde politische Mehrheiten und ständige Neuwahlen gekennzeichnet. Nachfolger von Akbulut wurde 1991 Mesut Yılmaz. Nachdem die ANAP die Wahlen verlor, wurde 1993 Tansu Çiller, mit ihrer Partei, der DYP, Regierungschefin.
Mitte der 1990er Jahre stieg die Unzufriedenheit der Bevölkerung mit der Regierung und den etablierten Parteien stark und alte Splitterparteien sowie neue Parteien konnten bei den Wahlen seitdem große Erfolge erlangen. So ging aus den Parlamentswahlen am 24. Dezember 1995 zum ersten mal in der türkischen Geschichte eine islamistische Partei, die Wohlfahrtspartei (RP), als stärkste politische Kraft hervor. Da sie keine Koalitionspartner fand, erhielt die zweitstärkste Kraft, die DYP, den Auftrag, die Regierung zu bilden. Die DYP ging mit der ANAP eine Koalition ein.
Am 1. Januar 1996 wurde zwischen der EU und der Türkei eine Zollunion eingeführt.
Die Koalition zwischen der DYP und ANAP hielt aber nicht lange, weil Mesut Yılmaz nach einem Misstrauensvotum im Juni 1996 zurücktreten musste. Daraufhin bekam die RP im Juni 1996 unter Necmettin Erbakan den Auftrag, die Regierung zu bilden. Die RP ging mit der DYP eine Koaliton ein. Mit seiner Politik geriet Erbakan in Widerspruch zu der von Kemal Atatürk begründeten laizistischen Staatsdoktrin, als deren Stützen sich vor allem die Militärs sahen. Am 30. Juni 1997 musste Necmettin Erbakan auf Druck der Militärs zurücktreten.
Am 17. August 1999 verwüstete ein schweres Erdbeben İzmit und die Marmararegion. Bei diesem verheerenden Erdbeben kamen 20.000 Menschen ums Leben, auch in Folge der mangelhaften Einhaltung der Bauvorschriften. Vor allem die ärmsten Bevölkerungsteile leiden bis heute unter den Folgen.
Nach einer weiteren kurzen Regierungsphase (Juni 1997–November 1998) von Mesut Yılmaz war Ecevit (zu dieser Zeit in der DSP (Demokratische Links Partei)) unter wechselnden Koalitionen zusammen mit der ANAP, der DYP und der rechtsextremen MHP (Partei der Nationalen Bewegung) bis 2002 Ministerpräsident.
Nach den Wahlen am 3. November 2002 gewann die neu gegründete islamisch orientierte AKP die Wahlen. Ministerpräsident wurde zunächst Abdullah Gül. Der Führer und wichtigste Mann der AKP Recep Tayyip Erdoğan durfte dieses Amt nicht übernehmen, da er 1998 wegen der „öffentlichen Äußerung islamistischer Parolen“ (Zitierung eines religiösen Gedichts) verurteilt und vorbestraft worden war. Erst nach Änderung von Gesetzen (Abschaffung des Verbots der politischen Tätigkeit von in dieser Art Verurteilten) konnte er durch eine Nachwahl am 9. März 2003 in der Provinz Siirt am 11. März 2003 das Amt des Ministerpräsidenten übernehmen.
Im November 2003 verübte eine türkische Zelle der Al-Qaida mehrere Bombenanschläge in Istanbul. Ziele der Anschläge, bei denen 60 Menschen starben, waren zwei Synagogen, das britische Konsulat und die Filiale der britischen HSBC-Bank.
Nachdem die damalige EG 1989 einen Antrag der Türkei auf Vollmitgliedschaft abgelehnt hatte, wurde auf dem EU-Gipfel in Luxemburg 1997 entschieden, dass die Türkei für einen Beitritt in Frage kommt. Am 11. Dezember 1999 bekam die Türkei offiziell den Beitritts-Kandidaten-Status zuerkannt. Auf dem Gipfel von Kopenhagen 2002 setzte die EU fest, dass im Dezember 2004 über die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen entschieden wird. Dazu muss die Türkei die Kopenhagener Kriterien erfüllen.
Im Februar 1994 wurde die gewählte kurdische Parlamentarierin der DEP-Partei (Leyla Zana) unter dem Vorwurf verfassungsfeindlichen Handelns inhaftiert. Mitte 2004 wurden sie und drei weitere inhaftierte DEP-Abgeordnete nach heftigem Druck der EU freigelassen.
Am 17. Dezember 2004 entschieden die Staats- und Regierungschefs der EU in Brüssel, dass ab dem 3. Oktober 2005 mit der Türkei Verhandlungen über den EU-Beitritt aufgenommen werden. Voraussetzungen dafür sind jedoch die Fortsetzung der begonnenen Reformen, eine weitere Verbesserung der Menschenrechtssituation und insbesondere die Unterzeichung eines Abkommens über eine Zollunion mit den 10 neuen EU-Mitgliedsstaaten, darunter auch Zypern, noch vor Beginn der Verhandlungen am 3. Oktober 2005.
Siehe auch: Exil in der Türkei 1933–1945, Türkischer EU-Beitritt
Die Kurden sind heute eine der weltgrößten Volksgruppen ohne eigenen Staat. Ca. 50 % aller Kurden leben in der Türkei. Durch den 1923 geschlossenen Vertrag zwischen der Türkei und den Alliierten des Ersten Weltkriegs verloren die Kurden ihren Status als Minderheit, einen unabhängigen kurdischen Staat hat es zuvor nie gegeben.
Bis vor kurzem betrieb die Türkei eine Assimilierungspolitik gegenüber den Kurden und leugnete kulturelle und ethnische Unterschiede. Aufgrund staatlicher Restriktionen konnte die kurdische Kultur nicht frei ausgelebt werden. Es durfte kein Kurdisch an den Schulen gelehrt oder auch nur zwischen den Schülern gesprochen werden, und es durften auch keine Medien in Kurdisch vertrieben werden. Aus den Schulbüchern, Lexika und Landkarten wurden die Definitionen und Erläuterungen über Kurden und ihre Siedlungsgebiete verbannt. Auch das Benutzen der kurdischen Sprache auf den Ämtern war verboten. Offiziell wurden die Kurden als „Bergtürken“ bezeichnet.
Im Jahre 1978 entstand in dieser Situation die umstrittene „Arbeiterpartei“ Kurdistans (PKK). Die PKK ist eine marxistisch-leninistische Gruppe mit Abdullah Öcalan an ihrer Spitze. 1984 begann sie mit ihrem bewaffneten Kampf für ein unabhängiges Kurdistan. Die türkische Regierung bekämpfte die kurdischen Rebellen mit militärischen und politischen Mitteln (z.B. langjähriger Ausnahmezustand im Osten des Landes). Infolge der bewaffneten Auseinandersetzungen wurden ca. 30.000 Menschen getötet, 3.500 Dörfer wurden zerstört und 3.000.000 Kurden flüchteten (die letzte Zahl ist stark umstritten, da hier Wirtschafts- und Armutsflüchtlinge integriert sind).
Aufgrund des Krieges wurden die bilateralen Beziehungen der Türkei vor allem mit ihren südlichen Nachbarn (Syrien, Irak und Iran) stark belastet. Die Türkei warf diesen Staaten die offene Unterstützung der PKK vor. Unstrittig ist, dass die PKK den Norden des Irak und auch die Staatsgebiete von Syrien und Iran als Rückzugsgebiete benutzte und dort auch Ausbildungscamps unterhielt.
Den Höhepunkt fand diese Auseinandersetzung 1999, als auf den Druck der Türkei hin Abdullah Öcalan seinen Aufenthaltsort in Syrien verlassen musste. Auf der Flucht wurde Öcalan im Februar 1999 in Kenia von türkischen Geheimdienstlern gefasst und den türkischen Gerichten überstellt. Nachdem der Vorsitzende gefasst wurde, erklärte die PKK einen einseitigen Waffenstillstand.
Im Jahre 2004 sind wieder Kämpfe zwischen der türkischen Regierung und der ehemaligen PKK aufgeflammt. Die PKK änderte im April 2002 ihren Namen in KADEK, im November 2003 wiederum in KONGRA-GEL.
Die PKK und ihre Nachfolgeorganisationen werden mittlerweile von vielen Staaten als Terrororganisation eingestuft. Diese Einstufung ist jedoch nicht unumstritten, es gibt auch Stimmen, die sie als eine Befreiungsarmee ansehen.
Hauptartikel: Zypern-Konflikt
Nach dem Zweiten Weltkrieg lebten auf Zypern 120.000 Türken und 450.000 Griechen. 1955 nahm die zyperngriechische Untergrundorganisation EOKA (unter General Grivas) ihren Kampf gegen die britischen Kolonialherren auf. Sie verübten zunächst Anschläge gegen die Briten und dann auch gegen die Zyperntürken. 1959 einigten sich Großbritannien, Griechenland und Türkei, im Londoner Abkommen, auf die Gründung einer unabhängigen Republik Zypern unter griechischer und türkischer Volksbeteiligung. 1960 wurde die Republik Zypern, bestehend aus zwei gleichberechtigten Volksgruppen, gegründet. Schon wenige Jahre später warfen die Vertreter der Zyperngriechen den Vertretern der Zyperntürken vor, ihr Vetorecht so intensiv zu nutzen, dass die Handlungsfähigkeit der Kommunen gefährdet sei. Drei Jahre nach der Republiksgründung versuchte deshalb Präsident und Erzbischof Makarios III., die Verfassung einseitig dergestalt zu ändern, dass die tatsächliche Bevölkerungsstruktur besser abgebildet würde – da diese Änderung den griechischen Bevölkerungsteil begünstigt hätte, befürchteten die Zyperntürken, dies würde zu einer Hegemonie der Griechen führen. Das führte zu innenpolitischen Spannungen und zu Angriffen der Zyperngriechen gegen die zyperntürkische Bevölkerung. Das Blutvergießen konnten auch UN-Friedenstruppen, die 1964 entsandt wurden, nicht verhindern. Nach dem Versuch der damaligen Militärregierung Griechenlands, Makarios zu stürzen und Zypern an Griechenland anzuschließen – letzteres misslang –, startete die Türkei am 20. Juli 1974 eine Invasion auf der Insel, die in eine bis heute dauernde Okkupation eines Drittels der Insel durch die Türkei mündete. Es kam es zur Vertreibung der Zyperntürken aus dem Süden und der Zyperngriechen aus dem Norden Zyperns und zur beinahe vollständigen Abriegelung der neuen „innerzyprischen Grenze“. Seitdem sind bis heute im Nordosten der Insel ca. 30.000 türkische Soldaten stationiert und viele von Zyperngriechen verlassenen Siedlungen wurden mit Festlandstürken neu besiedelt. Am 15. November 1983 wurde die Türkische Republik Nordzypern (TRNZ) unter Rauf Denktaş proklamiert, die bis heute nur von der Türkei als unabhängiger Staat anerkannt ist. 2004 stimmten die beiden Volksgruppen getrennt über den Annan-Plan ab, der von der türkisch-zypriotischen Seite angenommen und der griechisch-zypriotischen Seite abgelehnt und somit nicht umgesetzt wurde.
siehe auch: Geschichte Zyperns
Die Türkei ist eine gelenkte Volkswirtschaft, die in den letzten Jahren zunehmend dereguliert und privatisiert wurde. Der private Sektor wächst daher stetig und gewinnt immer mehr an Bedeutung. Die Textilindustrie ist der wichtigste Industriesektor der Türkei. Seit 1996 besteht zwischen der Türkei und der EU eine Zollunion (51,6 % der Exporte gehen in die EU).
Die Wirtschaftspolitik der Türkei änderte sich nach dem Jahre 1980. Damit veränderte sich die Geld-, Finanz-, Außenhandels- und Devisenpolitik radikal. Die Wirtschafts- und Industriepolitik vor 1980 war auf Importsubstitution und Versorgung des Binnenmarktes gerichtet. Nach 1980 ging die Wirtschaftspolitik zu einer liberaleren und auf exportenbasierende Industrialisierung über. Zunehmend wurde der Privatsektor gefördert und parallel öffentliche Unternehmen privatisiert.
Durch die zunehmende Senkung der Importbarieren steigt auch der Konkurrenzdruck auf die türkischen Betriebe. Der Höhepunkt der bisherigen Entwicklung ist der beitritt zur europäischen Zollunion 1996.
Die dynamische Entwicklung der Wirtschaft, mit Wachstumsraten des BSP von über 5%, wurde in den letzten zehn Jahren immer wieder durch schwere Wirtschaftskrisen (1994, 1999 und 2001) unterbrochen.
Die letzte Krise wurde durch ein steigendes Leistungs- und Handelsbilanzdefizit, verbunden mit einem maroden Bankensystem und einer Staatskrise ausgelöst. Aufgrund dieser Probleme kam es zu Spekulationen und Kapitalflucht, was die türkische Zentralbank dazu zwang, die türkische Lira freizugeben. Durch den starken Wertverlust der Lira (innerhalb weniger Stunden 40 %) stiegen die ausländischen Schulden (in Lira gerechnet) in unbezahlbare Höhen, woraufhin viele Unternehmen in den Konkurs gingen und die Arbeitslosigkeit stark anstieg. Resultat war eine der schwersten Rezessionen der türkischen Geschichte (die türkische Wirtschaftsleistung schrumpfte um über 8 %). Um einen Staatsbankrott abzuwenden gewährte der IWF der Türkei, im Zeitraum von 2002–2004, einen Kredit in Höhe von insgesamt 31 Mrd. $. Aufgrund der strikten Austeritätspolitik der Regierungen seit 2001 und der Auflagen des IWF hat die Türkei die schwere Finanzkrise von 2001 überwunden.
| Aktuelle Kennzahlen | |
|---|---|
| Bruttosozialprodukt: | 3100 $ / 6.700* $ (2003) |
| Bruttoinlandsprodukt: | 199,9 Mrd. $ / 455.3** Mrd. $ (2003) |
| Bruttosozialprodukt | 238 Mrd. $ (2003) |
| Arbeitslosigkeit: | 9,2 % (offizielle Angaben) |
| Inflation: | 9,4% (2004) |
| Schuldenstand | 134,4 Mrd. $ (Stand 2002) |
| Verschuldungsgrad am BSP | 78 % (2004) |
| * je Einwohner in Kaufkraftparität | |
| ** BIP in Kaufkraftparität | |
Eine weitere wirtschaftliche Herausforderung für die Türkei stellt der hohe Schuldenstand dar. Bezogen auf das BSP beträgt sie
78,7 % (Stand 2003). Damit bekleidet die Türkei weltweit den 22. Platz der relativ am
wenigsten verschuldeten Staaten. Zum Vergleich: die relativen Verschuldungsgrade der EU-Länder
Italien, Belgien, Griechenland und Deutschland betragen:
Derzeitig konzentriert sich die Wirtschaftspolitik der Regierung auf die Inflationsbekämpfung. Die „chronische Inflation“ in der Türkei erreichte zeitweise dreistellige, beinahe hyperinflationäre Zahlen (1994/1995 betrug sie 150 %), für 2003 sank sie auf 18,4 %, nach Schätzungen wird ca. 11 % in 2004 erwartet. Am 1. Januar 2005 wurde die alte „Türkische Lira“ durch die „Neue Türkische Lira“ (Yeni Türk Lirası) ersetzt. Damit verliert die Türkische Lira 6 Nullen. Außerdem wird die Untereinheit der Lira, der Kuruş, wieder eingeführt. Der Kuruş wurde vor ca. zwei Jahrzehnten abgeschafft, weil aufgrund der hohen Inflation die Lira stark an Wert verloren hatte. Auf den Vorderseiten der 20, 50 und 100 Lira-Scheine wird wie bis jetzt der türkische Staatsgründer Atatürk zu sehen sein. Bis Ende 2005 sind beide Währungen gültig.
Außenwirtschaftlich sucht die Türkei eine engere Anbindung an die EU und zugleich eine stärkere Einflussnahme auf die zentralasiatischen Turkvölker (u.a. Kasachstan, Usbekistan, Turkmenistan, Aserbaidschan). Deutschland ist mit über 13 % (9,4 Mrd $) der Importe und ca. 17 % (9,4 Mrd. $) der Exporte der größte Handelspartner der Türkei. Weitere wichtige Handelspartner sind die USA (Exporte 3,7 und Importe 3,4 Mrd. $), Großbritannien (Exporte 3,7 und Importe 3,5 Mrd. $), Italien (Exporte 3,2 und Importe 5,4 Mrd. $), Russland (Exporte 1,5 und Importe 5,4 Mrd. $) und Frankreich (Exporte 2,8 und Importe 4,2 Mrd. $).
Siehe auch: Zentralasiatisch-Türkischer Gipfel, Schwarzmeer-Wirtschaftskooperation
Die wirtschaftliche Situation der Türkei ist immer noch sehr widersprüchlich. Einerseits besteht eine sehr große Kluft zwischen dem industrialisierten Westen und ihrer modernen Industrie (insbesondere den großen Metropolen) und dem agrarisch strukturierten und wenig entwickelten Osten. Der Großraum Istanbul erreicht beispielsweise 41 % des durchschnittlichen Einkommens der 15 „alten“ EU-Staaten, der Osten hingegen nur 7 %. Diverse Projekte, u.a. die großen Staudamm-Projekte (Südostanatolien-Projekt (GAP)) sollen dem Osten helfen, sich besser zu entwickeln.
Zudem gibt es innerhalb der türkischen Volkswirtschaft erhebliche strukturelle Probleme. So trägt die Landwirtschaft zum BSP lediglich 11,9 % bei, beschäftigt aber 40 % der Arbeitskräfte. Die Industrie trägt 29,6 % zum BSP bei und der Dienstleistungssektor 58,5 %. In der Industrie arbeiten 20,5 % aller Erwerbstätigen und in der Dienstleistung 33,7 %.
Die Textilindustrie
Die Textilindustrie ist der wichtigste Industriesektor der Türkei und stellt zugleich den größten Anteil bei den Ausfuhren dar. Allein 2004 exportierte die türkische Textilindustrie Waren im Wert von ca. 20 Mrd. $ (2003 waren es noch 15 Mrd. $). Begünstigt wird die starke Stellung der türkischen Textilindustrie dadurch das die Türkei der sechst größte Baumwollhersteller der Welt ist.
Zunehmend gehen die türkischen Textilunternehmen dazu über, statt billiger Massenware Markenmode zu produzieren und zu vertreiben. Dadurch versuchen die türkischen Unternehmen der Konkurrenz aus China auszuweichen. Die Türkei gehört weltweit zu den wichtigsten Textilproduzenten.
Die Textilindustrie konzentriert sich überwiegend um die Städte Istanbul und Bursa. Insgesamt beschäftigt ca. 4 Millionen Menschen.
Nahrungsmittelindustrie
Die Nahrungsmittelindustrie konzentriert sich auf Westanatolien. Der Staat ist noch mit Unternehmen wie Zucker, Tee, Tabak und alkoholische Getränken tätig.
Automobilindustrie
Daneben gewinnen die Automobilindustrie und die Elektronikbranche zunehmend an Bedeutung. In der Türkei wurden 2003 560.000 Autos produziert, von denen ca. 2/3 exportiert wurden. Die Autozuliefererindustrie exportierte 1999 2,2 Milliarden Dollar. Etwa 500.000 Menschen arbeiten in dieser Branche.
Elektroindustrie
Eine besondere Stärke wurde in den letzten Jahren die Produktion von Fernsehgeräten. Nahezu alle großen Markenhersteller lassen bei den drei türkischen Unternehmen Vestel, Beko oder Profilo-Telra bauen. Ein Drittel aller in Europa verkauften Fernseher wird in diesen Firmen hergestellt.
Zuletzt hat aufgrund dieser Stärke die Beko Electronic A.S. das traditionsreiche deutsche Unternehmen Grundig AG aufgekauft. 1999 betrug die Produktion in der Elektroindustrie 2,4 Milliarden Dollar. Farbfernsehgeräte im Wert von 674 Millionen Dollar wurden 1999 exportiert.
Auslandsinvestitionen
Die Investitionen von ausländischen Investoren in der Türkei liegen bei ca. 1 Mrd. US-Dollar (2003). Obwohl diese Zahl im internationalen Vergleich nicht sehr hoch ist, gibt es dennoch ein nennenswertes Engagement ausländischer Unternehmen.
So lassen die Unternehmen MAN und DaimlerChrysler Busse in der Türkei bauen. Die BSH (Bosch-Siemens Hausgeräte) stellt am Rande von Istanbul Kühlschränke und Küchengeräte her. Das in Iskenderun gebaute Steinkohlekraftwerk ist das größte deutsche Investitionsprojekt, bei dem die Firmen Steag und RWE ca. 1,5 Mrd. US-Dollar investiert haben.
Bergbau
Die Türkei ist ein bedeutender Chromerzförderer der Welt daneben werden Steinkohle, Braunkohle, Eisen-, Blei-, Zink-, Kupfer-, und Silbererz gefördert. Im Südosten gibt es geringe Erdöl vorkommen.
Tourismus:
Der Tourismus ist ein wichtiger Wirtschaftssektor der Türkei und einer der wichtigsten Devisenquellen des Landes. 2004 erreichte die Zahl der ausländischen Touristen mit 17,5 Mio. Urlaubern einen neuen Rekordstand (2003 waren es noch etwa 14 Mio.). Die größte nationale Gruppe unter den Türkei-Touristen stellen mit ca. 4 Millionen die Deutschen gefolgt von den Russen (1,6 Mio) und den Briten (1,3 Mio).
Touristische Zentren sind die südliche Ägäis-Küste und die türkische Riviera zwischen Antalya und Kap Anamur.
| 2000 | 2001 | 2002 | 2003 | 2004 (Prognose) | |
| BSP-Wachstum in % | +6,3 | −9,5 | +7,9 | +5,9 | +10 |
| Inflation in % | 39,0 | 68,5 | 29,7 | 18,4 | 11 |
| Staatsdefizit in % des BSP | 18,9 | 21,1 | 12 | 9,8 | 7,0 |
Die offiziellen Angaben zum BSP sind insbesondere im Falle der Türkei mit Vorsicht zu
genießen. Da ein erheblicher Teil der Wirtschaftsleistung in der Schattenwirtschaft (Schwarzarbeit, Schwarzhandel etc.) abläuft, kann diese durch die Behörden nicht
erfasst werden. Daher dürfte die „wahre“ volkswirtschaftliche Leistung der Türkei viel höher sein als die offiziellen
Angaben.
Die türkische Wirtschaft wuchs in den ersten sechs Monaten des Jahres 2004 mit einer überraschend hohen Wachstumsrate von 13,5 %.
Aufgrund seiner Lage als Knotenpunkt zwischen Asien und Europa ist der Verkehrsektor eine wichtige Einnahmequelle der Türkei. Die Transportdienstleistungen umfassen neben den Straßen-, auch See-, Luft- Schienenverkehr und Transporte über Rohrleitungen. Mit internationalen Personen- und Güterverkehr auf Straßen erwirtschaftete die türkische Wirtschaft 1999 1,4 Milliarden $.
Der inländische Gütertransport und Personenverkehr erfolgt fast ausschlieslich auf der Straße. Der Güterverkehr mit dem Ausland erfolgt überwiegend über den Wasserweg und der Personenverkehr über den Luftweg.
2000 machte der Verkehrs- und Kommunikationssektor rund 14 % vom Bruttoinlandsproduktes aus. 27,3 % aller öffentlichen Investitionen werden in diesem Bereich getätigt. Damit zeigt sich eindrucksvoll die Bedeutung dieses Sektors für die Türkei.
Die Straßen in der Türkei haben ein Länge von insgesamt 413.724 km. Davon sind 62.000 km Landstraßen, 350.000 km sog. Dorfstraßen und 1.724 km Autobahn. Das Autobahnnetz soll in den nächsten Jahren weiter ausgebaut werden.
Auf den Straßen werden 89,2 % (Stand 2000) aller inländischen Güter transportiert. Der Anteil des Personenverkehrs ist mit 95 % sogar noch höher. Bei Überlandfahrten sind Reisebusse sehr beliebt. Hier konkurrieren viele Unternehmen um die Gunst der Fahrgäste daher ist der Service bei den Busgesellschaften sehr hoch, so wird bei den Überfahrten den Reisenden Cafe, Tee, Wasser und Gebäck gereicht.
Der Nahverkehr wird in den Städten durch öffentliche Busse organisiert. Da aber der öffentliche Nahverkehr ungenügend ausgebaut ist dominieren die Sammeltaxis (Dolmus). Der türkische Name "Dolmus" rührt daher, das diese "Taxis" nicht in Abhängigkeit zu einer Abwahrtszeit losfahren sondern erst wenn der Kleinbus hinreichend voll ist. Diese Kleinbuse gehören Privatpersonen und fahren bestimmte Linien ab, ähnlich wie öffentliche Busse. Unterwegs darf jeder Passagier an einem belieben Ort ein und aussteigen (ähnlich wie bei einem Taxi). Die Fahrtkosten sind abhängig von der gefahrenen Strecke und werden bar beim Fahrer oder seinem gehilfen bezahlt. Daneben gibt es reguläre Taxis die mit einem Taxometer arbeiten.
|
<<< Vorherige Seite |
|


